In modernen spirituellen Begriffen spricht man von einem Ego, das sich hinter der Spiritualität tarnt: jemand, der meditativ praktiziert oder betet, sich aber überlegen fühlt, andere beurteilt oder eigene Schattenseiten meidet. Johannes sah dies schon im 16. Jahrhundert – nur nannte er es anders und setzte es in einen klar theologischen Rahmen.
Spirituelles Ego in der Gegenwart
Heutzutage zeigt sich das spirituelle Ego auf viele Arten:
- Überlegenheitsgefühl: Viele Menschen, die spirituelle Praktiken wie Meditation, Yoga oder Gebet ausüben, fühlen sich anderen überlegen. Man identifiziert sich mit „Erleuchtung“, „Achtsamkeit“ oder bestimmten Methoden und misst den Fortschritt an Status oder äußerer Praxis.
- Vergleich und Urteil: Spirituelle Leistungen werden verglichen, andere bewertet. „Ich meditiere schon länger als du“, „Ich habe mehr Einsicht“ – subtil, aber wirksam.
- Selbsttäuschung: Schattenseiten werden ignoriert, unangenehme Gefühle abgelehnt, Konflikte mit dem eigenen Verhalten rationalisiert.
- Vermeidung innerer Arbeit: Tiefer liegende Ängste, Abhängigkeiten oder unbewusste Motive werden nicht angeschaut. Das Ego (das es eigentlich aufzulösen gilt) bleibt so unentdeckt, selbst wenn die Praxis regelmäßig und äußerlich korrekt ist.
Diese Muster sind heute genauso wirksam wie vor Jahrhunderten: Sie blockieren die Verbindung zum höheren Selbst oder zu einem transzendenten Ziel, weil sie die Seele im „alten Menschen“ gefangen halten.
Johannes vom Kreuz: Alter Mensch, neuer Mensch
In seinen Werken wie Aufstieg auf den Berg Karmel und Die Dunkle Nacht beschreibt Johannes den Weg der Seele zur Gottesvereinigung. Dabei unterscheidet er – mit Anlehnung an Paulus – zwischen dem alten Menschen, der noch an Begierden, Anhaftungen und Stolz gebunden ist, und dem neuen Menschen, der durch innere Reinigung, Demut und Liebe zu Gott transformiert wird.
Die Reihenfolge ist klar: Die Seele muss zunächst ihre inneren Blockaden erkennen, dann kann sie sich Schritt für Schritt zum neuen Menschen hin öffnen. Selbsterkenntnis ist also nie Selbstzweck – sie ist das Tor zu tieferer spiritueller Entwicklung. Wer nur Stolpersteine erkennt, ohne sich zu transformieren, erreicht nicht die innere Freiheit und Vereinigung mit Gott, die Johannes als Ziel beschreibt.
Den ,,Neuen Mensch" nennen verschiedene religiöse Traditionen aber auch die moderne Psychologie oft höheres Selbst oder den Inneren Menschen. Zu diesem habe ich einen eigenen Essay geschrieben.
Die „geistlichen Laster“ und subtile Hindernisse
Stolz gilt für Johannes als besonders tückisch: Er blendet die eigenen Schwächen aus und erzeugt die Illusion von spiritueller Überlegenheit.
Neben Stolz bemerkte Johannes auch subtile Formen der Habgier: Er beschreibt Menschen, die Kreuze sammelten, tauschten und anhäuften – scheinbar aus spiritueller Motivation. Prinzipiell war das nicht schlimm, doch sie hatten ihr materielles Leben lediglich durch neue Gegenstände ersetzt, wie Kinder, die Spielsachen tauschen. Sie glaubten, materielle Bedürfnisse überwunden zu haben, während ihre Anhaftung nur auf neue Objekte verlagert war.
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| Bild: Ella Alpert auf Unsplash |
Daneben existieren weitere subtile Laster – Trägheit, Neid, Zorn oder übermäßige Selbstsucht –, die den Fortschritt auf dem Weg zur Vereinigung mit Gott behindern.
Bereits bei fortgeschrittenen Ordensleuten beobachtete Johannes, dass sie diese inneren Hindernisse nicht erkannten. Äußerlich fromm und gelehrt, innerlich jedoch blockiert – ein klassisches Beispiel für das, was wir heute als spirituelles Ego verstehen.
Verbindung von damals zu heute
Johannes zeigt, dass spirituelle Praxis alleine nicht genügt: Ohne ehrliche Selbstreflexion und innere Arbeit (psychisch ,,Aufräumen") bleibt die Seele im „alten Menschen“ gefangen, egal wie erleuchtet sie nach außen wirkt. Moderne Praktizierende, die sich selbst als „fortgeschritten“ betrachten, können hier direkt eine Parallele ziehen: Spiritualität ohne Selbsterkenntnis öffnet das Tor für ein spirituelles Ego.
Die Parallelen zwischen Johannes’ Beobachtungen und dem modernen spirituellen Ego sind überraschend klar:
- Stolz: Johannes warnte vor subtilem Stolz; heute äußert sich das in spiritueller Selbstüberhöhung oder dem Drang, andere zu übertreffen.
- Habgier: Heute äußert sich dies oft in übertriebenem Sammeln oder Dekorieren für spirituelle Zwecke – noch ein Buch hier, eine Buddha-Statue da, oder eben Kreuze, Kristalle oder Traumfänger. Auch wenn die Gegenstände symbolisch gemeint sind, kann die übermäßige Anhaftung an materielle oder symbolische Objekte eine subtile Form des spirituellen Egos darstellen.
- Selbsttäuschung: Johannes’ „alter Mensch“ entspricht den heutigen unbewussten Mustern, die die Praxis sabotieren.
- Blockierte Transformation: Wer innere Schatten oder Defizite nicht erkennt und die auf andere projiziert, bleibt auf halbem Wege – damals wie heute.
Dabei lässt sich die historische Perspektive nutzen, um moderne Praktiken zu reflektieren: Welche Muster wiederholen sich? Welche inneren Hindernisse verhindern echte Transformation? Einzelne Laster lassen sich gezielt erkennen: Zorn etwa kann sich hinter einer scheinbar kritischen Selbstbeobachtung verstecken, Neid als subtile Abwertung anderer spiritueller Wege.
Fazit: Spirituelles Ego – die unsichtbare Falle auf dem spirituellen Weg
In der heutigen Praxis zeigt sich das spirituelle Ego oft in kleineren, subtilen Formen, die dennoch die spirituelle Entwicklung blockieren:
- Stolz auf Praxis: Wer glaubt, durch regelmäßige Meditation, Yoga oder spirituelle Rituale automatisch fortgeschritten zu sein, übersieht innere Arbeit.
- Verhaftung im Materiellen: Das Konzept zur spirituellen Habgier zeigt, dass Transformation nicht durch bloßes Ansammeln oder äußere Symbolik erreicht wird. Es geht nicht um die Gegenstände selbst, sondern um die innere Haltung: Werden sie als Ersatzbefriedigung genutzt oder reflektieren sie authentische innere Entwicklung? Johannes’ Beispiel erinnert daran, dass auch in scheinbar harmlosen, materiellen Aktivitäten die alten Muster des Egos weiterwirken können.
- Falsches Mitgefühl: Spirituelles Engagement kann als Rechtfertigung dienen, eigene kritische Anteile nicht anzuschauen.
- Vergleich mit anderen: Fortschritt wird oft an äußeren Maßstäben gemessen – Anzahl der Bücher, Retreats/regelmäßige Kirchbesuche, Stunden in Meditation – nicht an innerer Reife.
- Unbewusste Projektionen: Schwächen anderer werden übermäßig wahrgenommen, während die eigenen blinden Flecken unsichtbar bleiben.
Diese Muster sind hochgradig adaptiv: Sie geben das Gefühl, spirituell aktiv zu sein, verhindern aber tatsächliche Transformation. Johannes’ Beobachtungen zeigen: Wer sie erkennt und ehrlich betrachtet, kann vom alten zum neuen Menschen gelangen.
Letzten Endes läuft der gesamte innere Reifungsprozess darauf hin, den Inneren Menschen — wie Paulus und Augustinus ihn nennen — freizulegen, der gewöhnlich durch permanente Denk-Aktivität des Egos überschattet wird. Hier noch einmal der Essay zum Inneren Menschen.
Ein weiterführender Essay von mir findet sich hier. Dort wird erörtert, warum Johannes vom Kreuz selbst jahrelange Praktizierende noch als „Anfänger" sah.
Weiterführende Literatur
Bhagavad‑gītā (deutsche Ausgabe) – hinduistische Lehre über innere Freiheit & Pflicht.
Johannes vom Kreuz: Aufstieg zum Berge Karmel
Johannes vom Kreuz: Die Dunkle Nacht der Seele.
Meister Eckhart: Predigten.
Patanjali: Yoga‑Sutra des Patañjali (Übersetzung: Georg Feuerstein). Shambhala – klassische indische Philosophie über Samadhi.
Sudbrack, Josef: Mystik. Erfahrung des Absoluten. Freiburg: Herder, 1992.
Tolle, Eckhart: Jetzt. Die Kraft der Gegenwart. Leitfaden zum spirituellen Erwachen
Teresa von Ávila: Die Innere Burg.
Verfasst von Rebekka Waldesruh

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