Viele Anfänger, weniger Fortgeschrittene – Eine zeitlose unbequeme Beobachtung von Johannes vom Kreuz
Wenn heute von Spiritualität gesprochen wird, denken viele Menschen in relativ einfachen Kategorien. Es gibt Anfänger, die sich gerade erst für Meditation oder spirituelle Praxis interessieren. Dann gibt es Fortgeschrittene, die schon lange meditieren, vielleicht Retreats besuchen oder spirituelle Bücher studieren. Und schließlich gibt es jene, die als Lehrer auftreten – Menschen, die andere begleiten, unterrichten oder selbst als spirituelle Autoritäten wahrgenommen werden.
Dieses Bild wirkt plausibel. Doch wenn man die mystische Tradition ernst nimmt, wird es plötzlich sehr viel komplizierter.
Ein besonders radikales Beispiel findet sich bei Johannes vom Kreuz. Der spanische Mystiker des 16. Jahrhunderts beschreibt den spirituellen Weg häufig in drei großen Stufen: Anfänger, Fortgeschrittene und Vollkommene. Auf den ersten Blick scheint diese Einteilung ganz selbstverständlich zu sein.
Doch was Johannes tatsächlich unter einem „Anfänger“ versteht, überrascht viele Leser.
Denn mit diesem Begriff meint er nicht Menschen, die gerade erst anfangen, sich für Spiritualität zu interessieren.
Er meint oft genau jene, von denen man erwarten würde, dass sie längst weit fortgeschritten sind.
Das Missverständnis des Anfangs
Wenn man heute von spirituellen Anfängern spricht, denkt man meist an Menschen, die gerade beginnen, sich mit Meditation oder innerer Entwicklung zu beschäftigen. Vielleicht haben sie eine Meditations-App heruntergeladen oder hören eine geführte Meditation auf YouTube. Oft geht es dabei um Entspannung, Stressreduktion oder besseres Einschlafen.
Solche Praktiken können hilfreich sein. Sie können den Alltag beruhigen und das Bewusstsein für innere Prozesse stärken.
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| Bild: Glen Carrie auf Unsplash |
Doch aus der Perspektive der klassischen Mystik befinden sich solche Menschen oft noch vor dem eigentlichen spirituellen Weg.
Sie stehen gewissermaßen an dessen Schwelle.
Der Weg selbst beginnt erst dort, wo der Mensch beginnt, sich wirklich mit der Transformation seiner selbst auseinanderzusetzen. Und genau hier setzt Johannes vom Kreuz an.
Wer für Johannes „Anfänger“ sind
Johannes war nicht nur Mystiker, sondern auch Ordensmann. Er lebte im Kloster, arbeitete mit Mönchen und war mit den spirituellen Praktiken seiner Zeit bestens vertraut.
Als er über die „Anfänger“ des geistlichen Lebens schrieb, dachte er deshalb nicht an Menschen außerhalb religiöser Gemeinschaften.
Er dachte an Mönche.
An Menschen, die ihr gesamtes Leben dem geistlichen Weg gewidmet hatten.
Das ist der erste Schock, den viele Leser erleben: Die Kategorie „Anfänger“ umfasst bei Johannes nicht nur spirituelle Neulinge, sondern auch erfahrene Ordensleute.
Warum?
Weil Johannes beobachtete, dass selbst innerhalb eines Klosters viele Menschen zwar ein religiöses Leben führten, aber dennoch in bestimmten inneren Mustern gefangen blieben.
Sie beteten, fasteten, verrichteten ihre Übungen – doch die eigentliche innere Transformation blieb oft aus.
Die Beobachtungen im Kloster
Eine Szene aus Johannes’ Leben wird in der Literatur häufig erwähnt. Als er einmal in ein neues Kloster versetzt wurde, beobachtete er einige Mönche genauer.
Diese Männer nahmen ihren Glauben sehr ernst. Manche praktizierten extreme Bußübungen. Sie fasteten streng, kasteiten ihren Körper und versuchten, durch asketische Praktiken geistliche Fortschritte zu erzielen.
Von außen betrachtet wirkte das sehr beeindruckend.
Doch Johannes sah darin ein Problem.
Er erkannte, dass solche Praktiken leicht zu einer Art spiritueller Selbstbestätigung werden können. Der Mensch empfindet sich als besonders eifrig, besonders diszipliniert oder besonders hingebungsvoll.
Doch gerade dadurch kann sich das Ego subtil stärken und den „inneren Menschen" mehr verdecken.
Der Mensch wird so nicht freier – er wird nur „religiöser".
Zum spirituellen Ego und zum inneren Menschen habe ich jeweils eigene Artikel.
Spirituelle Kindlichkeit
Johannes beschreibt ein weiteres Phänomen mit erstaunlich einfachen Bildern.
Er sagt, dass manche spirituellen Menschen sich zu religiösen Gegenständen verhalten wie Kinder zu Spielzeug.
Sie sammeln Kreuze, Bilder oder andere spirituelle Dinge. Sie tauschen sie miteinander aus, freuen sich darüber und hängen emotional daran.
Doch in ihrem inneren Leben bleiben sie auf einer frühen Stufe stehen.
Für Johannes ist das kein moralisches Urteil. Er beschreibt es eher wie eine Entwicklungsphase.
Kinder spielen mit Dingen, weil sie noch wachsen müssen.
Genauso ist es auch im geistlichen Leben.
Das Problem entsteht erst dann, wenn diese Phase dauerhaft bestehen bleibt.
Der Unterschied zwischen Praxis und Transformation
Die Beobachtung von Johannes ist deshalb so radikal, weil sie eine wichtige Unterscheidung trifft:
Zwischen spiritueller Praxis und spiritueller Transformation.
Viele Menschen praktizieren Religion oder Spiritualität auf verschiedene Weise. Sie beten, meditieren, lesen spirituelle Literatur oder nehmen an Exerzitien, bzw. Retreats teil.
All das kann wertvoll sein.
Doch diese Aktivitäten garantieren noch nicht, dass sich der Mensch innerlich wirklich verändert.
Die mystische Tradition beschreibt den spirituellen Weg vielmehr als einen Prozess der Reinigung und Umformung der Seele. Dabei verlieren viele Gewohnheiten, Sicherheiten und Identitäten allmählich ihre Bedeutung.
Dieser Prozess ist nicht angenehm. Und er lässt sich auch nicht vollständig kontrollieren.
Genau deshalb bleiben viele Menschen – nach der Beobachtung von Johannes – in einer frühen Phase des Weges stehen.
Die überraschende Aktualität dieser Beobachtung
Was Johannes im 16. Jahrhundert innerhalb von Klöstern beobachtete, lässt sich heute erstaunlich leicht auf moderne Spiritualität übertragen.
Unsere Zeit ist voll von spirituellen Angeboten. Meditation, Achtsamkeit, Yoga, Coaching und viele andere Formen innerer Praxis sind weit verbreitet.
Viele Menschen suchen ernsthaft nach Orientierung und Tiefe.
Doch gleichzeitig entsteht eine neue Gefahr: Spiritualität kann zu einer Identität werden.
Man wird „ein spiritueller Mensch“.
Man besucht Kurse, liest Bücher, sammelt Methoden oder entwickelt eigene Konzepte.
All das kann hilfreich sein. Aber es kann auch dazu führen, dass sich das Ego auf einer neuen Ebene stabilisiert.
Der Mensch wird nicht unbedingt freier – er wird nur spiritueller.
Wenn alle Anfänger bleiben
Wenn man Johannes ernst nimmt, ergibt sich daraus eine unbequeme Frage.
Was passiert, wenn eine spirituelle Kultur hauptsächlich aus Anfängern besteht?
Das ist keine Beleidigung. Es ist eine strukturelle Beobachtung.
Viele Menschen beginnen einen spirituellen Weg. Einige bleiben eine Zeit lang dabei. Manche entwickeln sogar eine gewisse Autorität oder werden Lehrer für andere.
Doch der Übergang zu jener tieferen Form der Kontemplation, von der die mystische Tradition spricht, scheint selten zu werden.
Nicht unbedingt, weil Menschen weniger suchen.
Sondern weil viele Strukturen der modernen Welt diesen Übergang kaum unterstützen.
Das Leben ist schnell, komplex und voller Verpflichtungen. Spirituelle Praxis muss sich oft in den Alltag integrieren lassen.
Doch echte Transformation verlangt manchmal genau das Gegenteil: Zeiten der Stille, des Rückzugs und der radikalen inneren Umformung.
Zu dieser tieferen Kontemplation gibt es einen eigenen Beitrag.
Eine ernüchternde Perspektive
Aus dieser Perspektive könnte man sagen: Ein großer Teil der modernen Spiritualität bewegt sich innerhalb der frühen Stufen des Weges.
Menschen suchen, experimentieren und entwickeln neue Formen spiritueller Praxis.
Das ist nicht falsch. Jede Entwicklung beginnt irgendwo.
Doch Johannes erinnert daran, dass der spirituelle Weg nicht nur aus Praktiken besteht. Er führt letztlich zu einer radikalen Veränderung des Menschen selbst.
Und dieser Übergang ist selten.
Nicht, weil er unmöglich wäre – sondern weil er oft durch viele andere Formen der Sinnsuche ersetzt wird.
Ein anderer Blick auf den spirituellen Weg
Die Unterscheidung zwischen Anfängern, Fortgeschrittenen und Vollkommenen ist deshalb keine Hierarchie im üblichen Sinn.
Sie beschreibt vielmehr unterschiedliche Phasen eines inneren Weges.
Johannes selbst betont immer wieder, dass dieser Weg nicht durch eigene Leistung erreicht wird. Der Mensch kann sich vorbereiten, üben und offen bleiben.
Doch der entscheidende Schritt – der Übergang zu tiefer Kontemplation – entzieht sich letztlich der Kontrolle des Menschen.
Vielleicht liegt gerade hier der Grund, warum Johannes seine Zeitgenossen so nüchtern beobachtete.
Er wusste aus eigener Erfahrung, wie leicht Spiritualität zu einer Form der Selbstbestätigung werden kann.
Und wie selten jener Punkt erreicht wird, an dem der Mensch wirklich bereit ist, sich verändern zu lassen.
Weiterführende Literatur
- Augustinus: Bekenntnisse
- Johannes vom Kreuz: Aufstieg zum Berge Karmel
- Johannes vom Kreuz: Die Dunkle Nacht der Seele.
- Meister Eckhart: Predigten und Traktate
- Teresa von Ávila: Die Innere Burg.

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