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Es werden Posts vom April, 2026 angezeigt.

Dialog über Dualität: C. G. Jung, Buddha, Meister Eckhart und weitere Westliche Literatur und Philosophie zur Gegensatzüberwindung

Warum Gut und Böse nicht das letzte Wort sind Der Mensch orientiert sich in der Welt durch Unterscheidungen. Gut und schlecht, richtig und falsch, Licht und Dunkel, Erfolg und Scheitern – solche Gegensätze strukturieren unser Denken und geben ihm Klarheit. Ohne sie wäre Orientierung kaum möglich. Doch diese scheinbar selbstverständliche Ordnung hat eine verborgene Voraussetzung: Sie entsteht nicht einfach aus der Wirklichkeit selbst, sondern aus der Art, wie der Verstand funktioniert. Denken bedeutet, Unterschiede zu bilden. Es trennt, um verstehen zu können. Bild von Liana S auf Unsplash Was dabei leicht übersehen wird, ist die Konsequenz dieser Struktur. Was unterschieden wird, erscheint als wirklich getrennt. Gegensätze wirken dann nicht mehr wie Werkzeuge des Denkens, sondern wie Eigenschaften der Welt selbst. Genau hier beginnt das Problem. Denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass die Wirklichkeit so dualistisch ist, wie sie uns erscheint. Es könnte ebenso gut sein, das...

Platon ist kein Bildungsphilosoph: Zur verlorenen spirituellen Dimension des Höhlengleichnisses

Das Höhlengleichnis aus Platons Politeia gehört zu den bekanntesten philosophischen Bildern der westlichen Tradition. Kaum ein Text wird so häufig zitiert, wenn es um Erkenntnis, Bildung oder den „Aufstieg“ des Menschen zu höherem Wissen geht. In Schule, Universität und populärer Philosophie gilt es meist als klassische Darstellung eines Bildungsprozesses: Der Mensch beginnt im Zustand der Unwissenheit, lernt schrittweise dazu und erreicht schließlich durch Philosophie oder Wissenschaft eine höhere Stufe der Erkenntnis. Diese Interpretation ist weit verbreitet und in bestimmten Kontexten durchaus nützlich. Sie macht Platon anschlussfähig für moderne Bildungs- und Erkenntnistheorien. Dennoch stellt sich die Frage, ob sie dem ursprünglichen philosophischen Gehalt des Textes wirklich gerecht wird. Eine genauere Lektüre zeigt, dass das Höhlengleichnis nicht primär einen kognitiven Lernprozess beschreibt, sondern eine tiefgreifende Veränderung der gesamten Wahrnehmungs- und Seinsstruktur ...

Warum Gott nicht gedacht werden kann – Der verborgene Weg der Negativen Theologie

Die Negative Theologie (Apophatik) markiert eine der radikalsten Strömungen der Religionsphilosophie und Mystik. Statt Gott durch positive Zuschreibungen zu definieren, sucht sie die Annäherung durch die systematische Verneinung aller Begriffe und Bilder. Dieser Artikel zeichnet die Entwicklungslinie dieses Denkens nach: von den methodischen Grundlagen bei Dionysius Areopagita über die radikale Abgeschiedenheit bei Meister Eckhart und die philosophische Systematik der Docta Ignorantia bei Nikolaus von Kues bis hin zur existentiellen Erfahrung der „Dunklen Nacht“ bei Johannes vom Kreuz . Erfahren Sie, warum das Scheitern des Verstandes an der Grenze des Absoluten kein Ende, sondern der eigentliche Beginn einer tieferen Erkenntnis ist. D as Problem religiöser Bilder Um zu verstehen, warum dieser Weg der Verneinung so essenziell ist, müssen wir uns zunächst dem Fundament widmen, auf dem religiöses Denken meist aufbaut: dem Problem religiöser Bilder.  Religiöses Denken beginnt fa...

Was bedeutet „sozial“ wirklich? — Warum Gegenseitigkeit, Statusdenken und Nutzenlogik echte Menschlichkeit oft verdecken

Der Begriff „sozial“ gehört zu den meistverwendeten und zugleich am wenigsten durchdachten Begriffen unserer Zeit. Kaum ein Wort wird so selbstverständlich gebraucht – und kaum eines ist so unklar in seiner Bedeutung. Jeder scheint zu wissen, was „sozial“ ist, und doch zeigt sich bei genauerem Hinsehen: Die meisten sprechen über völlig unterschiedliche Dinge, wenn sie dieses Wort verwenden. Man lobt jemanden als „sehr sozial“, kritisiert andere als „unsolidarisch“, spricht von „sozialen Kontakten“, „sozialer Arbeit“ oder einem „niedrigen sozialen Status“. Und obwohl all diese Verwendungen miteinander verwandt erscheinen, folgen sie oft unterschiedlichen, manchmal sogar widersprüchlichen Logiken. Das Problem ist nicht nur sprachlicher Natur. Es hat reale Konsequenzen. Denn je nachdem, wie wir „sozial“ verstehen, bewerten wir Menschen – ihr Verhalten, ihren Lebensstil, ihren Wert für die Gemeinschaft. Und genau hier beginnt die Verzerrung: Viele der gängigen Vorstellungen von Sozialität...

Wenn Sinnsuche den spirituellen Weg ersetzt: Johannes vom Kreuz und ein Problem moderner Spiritualität

Einleitung: Die Suche nach Sinn In der heutigen Welt ist „Sinnsuche“ zu einem zentralen Begriff geworden. Bücher, Seminare, Coachingprogramme und spirituelle Angebote versprechen Orientierung in einer komplexen Realität. Viele Menschen spüren, dass das rein funktionale Leben – Arbeit, Konsum, Ablenkung – nicht ausreicht. Sie suchen nach einer tieferen Bedeutung ihres Daseins. Diese Suche ist zunächst etwas sehr Positives. Sie zeigt, dass der Mensch nicht nur ein rationales oder wirtschaftliches Wesen ist. In ihm gibt es eine Dimension, die nach Tiefe verlangt, nach Wahrheit, nach etwas, das über den Alltag hinausweist. Doch gerade hier beginnt ein Problem. Denn nicht jede Sinnsuche führt tatsächlich in die Tiefe. Oft bleibt sie an der Oberfläche stehen – oder sie stabilisiert lediglich das Selbst, anstatt es zu verwandeln. Bild: Jordan Faux auf Unsplash. Ein Blick in die mystische Tradition kann helfen, dieses Problem besser zu verstehen. Besonders deutlich hat Johannes vom Kreuz i...

Verbitterung mit Buddhismus und Christentum verstehen: Wie Groll und Unzufriedenheit die Seele belasten

Verbitterung ist ein Gefühl, das viele kennen, aber nur wenige bewusst einordnen können. Sie entsteht oft schleichend, bleibt über Jahre bestehen und belastet das innere Gleichgewicht. Anders als Ärger, Trauer oder Enttäuschung handelt es sich bei Verbitterung um eine stabile innere Haltung: die ständige Beschäftigung mit vergangenem Unrecht, die Fixierung auf Fehler anderer und die tiefe Überzeugung, dass die Welt ungerecht ist. Auf dem spirituellen Weg kann Verbitterung besonders problematisch sein. Sie bindet den Geist an den egozentrierten Teil in uns, blockiert Loslassen, Offenheit und innere Entwicklung. Bevor wir zu den spirituellen Dimensionen kommen, lohnt sich ein Blick auf alltägliche Beispiele , um Verbitterung greifbar zu machen. Alltagsbeispiele der Verbitterung Oft sind es kleine alltägliche Ereignisse, die tiefe Verbitterung auslösen: Ein Kind meldet sich jahrelang nicht bei den Eltern, lebt bei der Freundin oder zieht weit weg, und die Eltern empfinden schmerzlic...

Wie Seelenführer den Weg zur Kontemplation verhindern: Über ungeeignete geistliche Begleitung – gelesen mit Johannes vom Kreuz

Die stille Gefahr auf dem geistlichen Weg Wer sich ernsthaft auf den inneren Weg einlässt, stößt früher oder später auf eine entscheidende Frage: Brauche ich geistliche Begleitung – und wenn ja, durch wen? Die Tradition des Christentums kennt diese Frage sehr gut. Besonders klar und schonungslos formuliert sie die spanische Mystik des 16. Jahrhunderts. Sie macht deutlich: Die größte Gefahr auf dem geistlichen Weg ist nicht der Mangel an Anleitung – sondern die falsche. Die seltene Qualität wahrer Begleitung Johannes vom Kreuz formuliert in seinem Spätwerk Lebendige Flamme der Liebe eine Einsicht, die bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren hat: Die Seele muss sehr genau prüfen, „in wessen Hände sie sich begibt“. Denn – so seine Logik – wie der Lehrer ist, so wird auch der Schüler. Damit ist nicht nur moralische Integrität gemeint, sondern etwas viel Grundsätzlicheres: Erfahrung . Auch Teresa von Ávila sagt, dass ein geistlicher Begleiter noch so gebildet, reflektiert oder r...

Kann Wissenschaft Gott erforschen? Wo wissenschaftliche Erkenntnis endet – und der kontemplative Weg beginnt

In einer Zeit, in der nahezu alles messbar, analysierbar und erklärbar scheint, stellt sich eine grundlegende Frage: Kann auch Gott zum Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis werden? Die moderne Wissenschaft hat in den letzten Jahrhunderten eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben. Sie hat die Struktur des Universums entschlüsselt, die Bausteine der Materie sichtbar gemacht und sogar begonnen, das menschliche Bewusstsein mit Hilfe von Gehirnscans zu untersuchen. Technologien wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) ermöglichen es heute, neuronale Aktivität sichtbar zu machen, während Menschen meditieren, beten oder tief versunkene Bewusstseinszustände erleben. Angesichts dieser Entwicklungen scheint die Frage nicht mehr abwegig: Könnte die Wissenschaft eines Tages auch Gott „finden“? Doch gerade hier zeigt sich eine Grenze – nicht nur eine technische, sondern eine grundlegende, erkenntnistheoretische Grenze. Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass die W...