Drei Formen der Selbstvergessenheit: Flow, Meditation und die dunkle Kontemplation nach Johannes vom Kreuz
Einleitung: Warum „Selbstvergessenheit“ kein einheitlicher Zustand ist
In spirituellen und psychologischen Kontexten wird der Begriff der Selbstvergessenheit meist erstaunlich undifferenziert verwendet. Er kann positive Assoziationen tragen – etwa im Sinne von Flow, Hingabe oder meditativer Ruhe – oder negativ konnotiert sein, etwa als Zerstreutheit, Kontrollverlust oder mentale Instabilität.
Diese Doppelbedeutung ist kein sprachliches Detailproblem, sondern verweist auf eine strukturelle Unklarheit:
Selbstvergessenheit ist kein einheitlicher Zustand, sondern eine Klasse von qualitativ unterschiedlichen Bewusstseinsformen.
— Rebekka Waldesruh (Verfasserin)
Diese Unterscheidung wird besonders relevant, wenn man nicht nur psychologische Optimierung betrachtet, sondern mystische Transformationswege, wie sie in der christlichen Tradition – insbesondere bei Johannes vom Kreuz – beschrieben werden.
Denn dort erscheint Selbstvergessenheit nicht als Nebenprodukt mentaler Ruhe, sondern als struktureller Bestandteil eines radikalen inneren Umbaus.
Der folgende Text versucht, drei grundlegende Formen von Selbstvergessenheit sauber zu unterscheiden:
- Flow als funktionale Selbstvergessenheit
- Meditation als beobachtete Selbstauflösung
- dunkle Kontemplation als strukturelle Selbstentleerung
Dabei geht es nicht um Wertung im Sinne von „besser“ oder „schlechter“, sondern um eine präzise Beschreibung unterschiedlicher Bewusstseinslogiken.
Formen von Selbstvergessenheit
Erste Form: Flow als funktionale Selbstvergessenheit
Die erste und am besten erforschte Form der Selbstvergessenheit ist der sogenannte Flow-Zustand, wie er in der modernen Psychologie beschrieben wird.
Flow entsteht typischerweise dann, wenn eine Person vollständig in eine Tätigkeit integriert ist. Aufmerksamkeit, Handlung und Wahrnehmung verschmelzen so stark, dass die reflektierende Selbstbeobachtung in den Hintergrund tritt.
Charakteristisch sind:
- vollständige Konzentration auf eine Handlung
- Verlust des Zeitgefühls
- reduzierte Selbstreflexion
- hohe Handlungseffizienz
- subjektives Gefühl von Leichtigkeit
Entscheidend ist jedoch die strukturelle Eigenschaft dieses Zustands:
Flow ist an eine Tätigkeit gebunden.
Das bedeutet: Das Selbst verschwindet hier nicht als Struktur, sondern wird funktional überlagert. Es wird nicht aufgelöst, sondern temporär nicht aktiviert.
Sobald die Tätigkeit endet, kehrt das Selbst in seine normale Funktionsweise zurück – oft sogar stabilisiert und erholt.
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| Bild: Gabriel Benois auf Unsplash |
In diesem Sinne ist Flow eine Form von Selbstvergessenheit, die innerhalb der Welt stabil bleibt. Sie ist produktiv, funktional und evolutionär sinnvoll, aber sie verändert nicht die Grundstruktur des Bewusstseins.
Zweite Form: Meditation als beobachtete Selbstauflösung
Die zweite Form der Selbstvergessenheit ist die klassische meditative Praxis, wie sie in verschiedenen spirituellen Traditionen entwickelt wurde.
Im Gegensatz zum Flow ist Meditation nicht an äußere Handlung gebunden, sondern an eine innere Verschiebung der Aufmerksamkeit. Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen werden nicht mehr unmittelbar identifiziert, sondern beobachtet.
Typische Merkmale sind:
- Distanzierung von Gedankeninhalten
- Reduktion identifikatorischer Prozesse
- innere Ruhe und Stabilität
- gesteigerte Aufmerksamkeit
- zeitweilige Erfahrung von „Leere“ oder Stille
Diese Form ist bereits tiefer als Flow, da sie nicht nur eine funktionale Überlagerung des Selbst darstellt, sondern eine Entkopplung von Identifikation.
Dennoch bleibt auch hier eine entscheidende Grenze bestehen:
Das Selbst wird beobachtet, aber nicht aufgelöst.
Die Struktur des Ich bleibt als Beobachterinstanz erhalten. Es verändert sich in seiner Aktivität, aber nicht in seiner ontologischen Funktion.
Daher ist auch diese Form der Selbstvergessenheit reversibel. Nach der Meditation kehrt das gewöhnliche Selbst zurück, meist in stabilisierter Form.
Man könnte sagen:
Flow beruhigt das Selbst durch Handlung.
Meditation beruhigt das Selbst durch Beobachtung.
Beide bleiben jedoch innerhalb einer stabilen Selbstarchitektur.
Die Bruchstelle: Wenn Selbstvergessenheit nicht mehr stabil bleibt
Zwischen der zweiten und dritten Form entsteht eine entscheidende Schwelle.
In bestimmten kontemplativen Traditionen wird beschrieben, dass der Geist nicht nur ruhiger wird, sondern seine gewohnten Funktionen zeitweise verliert.
Dies betrifft insbesondere:
- Erinnerungsvermögen
- Vorstellungsfähigkeit
- konzeptuelles Denken
- affektive Steuerung
- innere Orientierung
Diese Phase wird in der klassischen Mystik nicht als Stabilisierung beschrieben, sondern als Verfinsterung oder Entleerung der inneren Vermögen.
An diesem Punkt verliert der Begriff „Selbstvergessenheit“ seine psychologische Klarheit, weil er nicht mehr eine Reduktion von Aktivität beschreibt, sondern eine strukturelle Verschiebung der Bewusstseinsorganisation.
Genau hier setzt Johannes vom Kreuz an.
Dritte Form: Dunkle Kontemplation nach Johannes vom Kreuz
Johannes vom Kreuz beschreibt die sogenannte „dunkle Nacht“ nicht als metaphorische Phase emotionaler Krise, sondern als strukturelle Transformation der inneren Vermögen.
Er schreibt:
Die dunkle Kontemplation ist kein Zustand erhöhter Ruhe, sondern eine systematische Entkopplung aller gewöhnlichen Bewusstseinsfunktionen.
Das bedeutet:
- Denken funktioniert nicht mehr zuverlässig
- Erinnerung verliert ihre Stabilität
- Vorstellungskraft wird suspendiert
- affektive Orientierung wird entzogen
- das Subjekt verliert seine gewohnte Selbststruktur
Wichtig ist dabei: Dies ist nicht als Defekt beschrieben, sondern als notwendige Phase eines Transformationsprozesses.
Zur Selbstvergessenheit in der Dunklen Nacht gibt es einen eigenen Essay ➡️ coming soon
Drei Logiken der Selbstvergessenheit
Mit diesen drei Ebenen lässt sich eine klare Struktur erkennen:
Flow
Selbstvergessenheit durch Handlung
→ funktionale Überlagerung
→ stabile Rückkehr
Meditation
Selbstvergessenheit durch Beobachtung
→ Entkopplung der Identifikation
→ stabile Rückkehr
Dunkle Kontemplation
Selbstvergessenheit durch Entstrukturierung
→ Verlust gewohnter Vermögensorganisation
→ keine stabile Rückkehr im alten Sinne
Diese dritte Form ist entscheidend, weil sie nicht mehr innerhalb der normalen psychologischen Kategorien beschrieben werden kann.
Die zentrale Verwechslung: Fortschritt als Stabilität
In modernen Kontexten wird Fortschritt meist mit zunehmender Stabilität gleichgesetzt:
- mehr Kontrolle
- mehr Klarheit
- mehr Funktionalität
- mehr Selbstregulation
Innerhalb der ersten beiden Ebenen ist diese Logik korrekt.
In der dritten Ebene jedoch verschiebt sich der Maßstab.
Hier bedeutet Fortschritt nicht Stabilisierung des Selbst, sondern dessen zunehmende Entkopplung von gewohnten Strukturen.
Das führt zu einer paradoxen Erfahrung:
Subjektiv kann diese Phase wie Rückschritt wirken.
Funktional kann sie wie Störung erscheinen.
Strukturell ist sie jedoch Teil eines Transformationsprozesses.
Warum diese Phase oft missverstanden wird
Der Grund für das Missverständnis liegt darin, dass die dunkle Kontemplation von außen nicht eindeutig lesbar ist.
Sie erzeugt keine klaren Leistungsindikatoren, keine stabilen kognitiven Marker und keine sozial verwertbaren Ergebnisse.
Stattdessen treten Zustände auf wie:
- mentale Leere
- temporäre Orientierungslosigkeit
- Verlust spontaner Erinnerungszugriffe
- reduzierte Planungsfähigkeit
Diese Phänomene werden leicht als Defizit interpretiert.
Innerhalb der mystischen Tradition werden sie jedoch als Zeichen einer tiefen Umstrukturierung verstanden.
Der entscheidende Unterschied: Funktionalität vs. Transformation
Der zentrale Unterschied zwischen den drei Ebenen lässt sich so zusammenfassen:
Flow und Meditation verbessern die Funktionsfähigkeit des Selbst innerhalb der Welt.
Die dunkle Kontemplation verändert die Struktur, durch die überhaupt „Selbst“ und „Welt“ unterschieden werden.
Damit verschiebt sich die Perspektive radikal:
Nicht mehr die Frage ist entscheidend, wie gut das Selbst funktioniert, sondern wie stark es in seiner gewohnten Funktion überhaupt noch stabil bleibt.
Konsequenz: Warum diese Unterscheidung praktisch relevant ist
Diese Differenz ist nicht nur theoretisch, sondern hat direkte Konsequenzen für das Verständnis spiritueller Entwicklung.
Ohne diese Unterscheidung entstehen typische Fehlinterpretationen:
- frühe meditative Zustände werden für Vollendung gehalten
- funktionale Ruhe wird mit Transformation verwechselt
- erste tiefe Erfahrungen werden als Endpunkt interpretiert
Gleichzeitig wird die eigentliche Transformationsphase häufig nicht erkannt, weil sie nicht mit positiven psychologischen Signalen einhergeht.
Schluss: Selbstvergessenheit als graduelle Auflösung der Bewusstseinsstruktur
Am Ende zeigt sich:
Selbstvergessenheit ist kein einheitlicher Zustand, sondern eine graduelle Verschiebung der Art und Weise, wie das Selbst organisiert ist.
- In der ersten Form wird es überlagert.
- In der zweiten Form wird es beobachtet.
- In der dritten Form wird es strukturell entbunden.
Diese dritte Form ist dabei nicht weniger, sondern radikaler – allerdings in einer Weise, die nicht mehr unmittelbar als Fortschritt lesbar ist.
Und genau hier beginnt die eigentliche Schwierigkeit spiritueller Interpretation:
Das tiefste Maß an Selbstvergessenheit ist nicht das angenehmste, sondern das strukturell radikalste.
Weiterführende Literatur
- Bhagavad‑gītā (deutsche Ausgabe) – hinduistische Lehre über innere Freiheit & Pflicht.
- Dalai Lama & Lehner: Von hier zur Erleuchtung – buddhistische Sicht auf Erwachen.
- Dinzelbacher, Peter: Christliche Mystik im Abendland
- Johannes vom Kreuz: Die Dunkle Nacht der Seele.
- Johannes vom Kreuz: Lebendige Liebesflamme.
- Jung, Carl G. (1921): Psychologische Typen – Über die Psychologie der Mystik; Archetypen, Individuation, spirituelles Wachstum.
- Jung, Carl G. (1972): Bewußtes und Unbewußtes. Beiträge zur Psychologie. Olten: Walter.
- Meister Eckhart: Werke I & II: Predigten und Traktate. Herausgegeben und übersetzt von Niklaus Largier. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 2008.
- Nikolaus von Kues: De docta ignorantia / Die belehrte Unwissenheit. (3 Bände). Übersetzt von Hans Gerhard Senger und Paul Wilpert. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
- Patanjali: Yoga‑Sutra des Patañjali (Übersetzung: Georg Feuerstein). Shambhala – klassische indische Philosophie über Samadhi.
- Schellenberger, Bernardin: Die Stille atmen. München: Kösel, 2014.
- Sudbrack, Josef: Mystik: Erfahrung des Absoluten. Freiburg: Herder, 1992.
- Teresa von Ávila: Die Innere Burg.

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